{"id":24,"date":"2024-07-01T05:59:59","date_gmt":"2024-07-01T03:59:59","guid":{"rendered":"http:\/\/niewieder.eu\/?p=24"},"modified":"2024-07-01T05:59:59","modified_gmt":"2024-07-01T03:59:59","slug":"feuilletons-von-polgar-bis-knobloch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/niewieder.eu\/index.php\/2024\/07\/01\/feuilletons-von-polgar-bis-knobloch\/","title":{"rendered":"Feuilletons von Polgar bis Knobloch"},"content":{"rendered":"\n<p>Die ersten 40 Lebensjahre im Osten Deutschlands verbracht zu haben, geh\u00f6rt nicht zu meinen ausschlie\u00dflich schlechten Erfahrungen. War man Literatur und Theater zugetan wie ich, bot sich ein weites Bet\u00e4tigungsfeld, konnte man diese Kunst auf h\u00f6chstem Niveau erleben. Mit einem Premierenanrecht (1,30 Mark\/Auff\u00fchrung) f\u00fcr Berliner Ensemble, Deutsches Theater, Volksb\u00fchne und Gorki-Theater versehen, vermochte man in theatralischem Erleben geradezu zu schwelgen. Dar\u00fcber hinaus &nbsp;aber zog mich die pr\u00e4gnanteste Form literarischer Werke besonders an, der wir huldigten, das Feuilleton, und es lebte ein Gro\u00dfmeister dieses Fachs unter uns \u2013 Heinz Knobloch!<\/p>\n\n\n\n<p>Noch heute \u00fcberkommt mich ein leichtes Schmunzeln, denke ich daran zur\u00fcck, wie sich die meinem Charme erlegene Verk\u00e4uferin des nahegelegenen Papierwaren-Ladens, leicht err\u00f6tend \u00fcber mein Erscheinen erfreut, nachdem sie ihre beachtliche Oberweite geb\u00fchrend zur Geltung gebracht hatte, bereitwillig b\u00fcckte, um die mir reservierte aktuelle Ausgabe der \u201eWochenpost\u201c auf den Ladentisch zu bef\u00f6rdern, die ich, wie wohl die meisten meiner Mitb\u00fcrger, w\u00f6chentlich f\u00fcr 30 Pfennige ausschlie\u00dflich zu dem Zweck erwarb, das neueste Feuilleton von Heinz Knobloch genie\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was verleiht einem literarischen Werk, dessen Umfang auf h\u00f6chstens zwei Seiten beschr\u00e4nkt ist, eine solche Faszination? Diese Frage zu beantworten, sollte man einem der Gro\u00dfmeister dieses Genres \u00fcber die Schulter auf die Finger schauen. Der, nicht nur aus meiner Sicht, unbestrittene Alt-Meister der Feuilleton-Schaffenden, der \u00d6sterreicher Alfred Polgar, hat dazu einige Andeutungen fallenlassen die ich folgenderma\u00dfen ausdeute: Ein Feuilleton ist wie ein Pfeil; es beginnt mit den Federn, bestehend aus einer ans Gem\u00fct gehenden kleinen Geschichte, f\u00fchrt \u00fcber allgemein mit dieser zusammenh\u00e4ngende Betrachtungen, welche den Schaft bilden, zur Pfeilspitze, die, aus einer Frage, einer klaren Aussage oder einem Bonmot bestehend, den Endpunkt bildet, der geradezu ins Schwarze trifft.<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachtet man die Samstag-\/Sonntag-Ausgaben selbst aus dem Establishment emporragender Presseerzeugnisse heutzutage, sucht man die oben erl\u00e4uterten Qualit\u00e4ten bedauerlicherweise vergebens. Die verantwortlichen Redakteure begehen die gleichen Fehler, wie schon die ehemaligen Funktion\u00e4re, selbst die wenigen Intelligenten unter ihnen, im ehemaligen Osten \u2013 sie begreifen einfach nicht, da\u00df die Mehrheit der Leser gewichtige Inhalte, selbst unbestreitbare Wahrheiten, nur in anspruchsvoller, intellektuell gut verdaulicher und unterhaltsamer Verpackung zu genie\u00dfen verm\u00f6gen; nichts ist unertr\u00e4glicher, als Agitation und billige Propaganda, von manipulativer Desinformation ganz zu schweigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten 40 Lebensjahre im Osten Deutschlands verbracht zu haben, geh\u00f6rt nicht zu meinen ausschlie\u00dflich schlechten Erfahrungen. War man Literatur und Theater zugetan wie ich, bot sich ein weites Bet\u00e4tigungsfeld, konnte man diese Kunst auf h\u00f6chstem Niveau erleben. Mit einem Premierenanrecht (1,30 Mark\/Auff\u00fchrung) f\u00fcr Berliner Ensemble, Deutsches Theater, Volksb\u00fchne und Gorki-Theater versehen, vermochte man in theatralischem Erleben geradezu zu schwelgen. Dar\u00fcber hinaus &nbsp;aber zog mich die pr\u00e4gnanteste Form literarischer Werke besonders an, der wir huldigten, das Feuilleton, und es lebte ein Gro\u00dfmeister dieses Fachs unter uns \u2013 Heinz Knobloch!<\/p>\n\n\n\n<p>Noch heute \u00fcberkommt mich ein leichtes Schmunzeln, denke ich daran zur\u00fcck, wie sich die meinem Charme erlegene Verk\u00e4uferin des nahegelegenen Papierwaren-Ladens, leicht err\u00f6tend \u00fcber mein Erscheinen erfreut, nachdem sie ihre beachtliche Oberweite geb\u00fchrend zur Geltung gebracht hatte, bereitwillig b\u00fcckte, um die mir reservierte aktuelle Ausgabe der \u201eWochenpost\u201c auf den Ladentisch zu bef\u00f6rdern, die ich, wie wohl die meisten meiner Mitb\u00fcrger, w\u00f6chentlich f\u00fcr 30 Pfennige ausschlie\u00dflich zu dem Zweck erwarb, das neueste Feuilleton von Heinz Knobloch genie\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was verleiht einem literarischen Werk, dessen Umfang auf h\u00f6chstens zwei Seiten beschr\u00e4nkt ist, eine solche Faszination? Diese Frage zu beantworten, sollte man einem der Gro\u00dfmeister dieses Genres \u00fcber die Schulter auf die Finger schauen. Der, nicht nur aus meiner Sicht, unbestrittene Alt-Meister der Feuilleton-Schaffenden, der \u00d6sterreicher Alfred Polgar, hat dazu einige Andeutungen fallenlassen die ich folgenderma\u00dfen ausdeute: Ein Feuilleton ist wie ein Pfeil; es beginnt mit den Federn, bestehend aus einer ans Gem\u00fct gehenden kleinen Geschichte, f\u00fchrt \u00fcber allgemein mit dieser zusammenh\u00e4ngende Betrachtungen, welche den Schaft bilden, zur Pfeilspitze, die, aus einer Frage, einer klaren Aussage oder einem Bonmot bestehend, den Endpunkt bildet, der geradezu ins Schwarze trifft.<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachtet man die Samstag-\/Sonntag-Ausgaben selbst aus dem Establishment emporragender Presseerzeugnisse heutzutage, sucht man die oben erl\u00e4uterten Qualit\u00e4ten bedauerlicherweise vergebens. Die verantwortlichen Redakteure begehen die gleichen Fehler, wie schon die ehemaligen Funktion\u00e4re, selbst die wenigen Intelligenten unter ihnen, im ehemaligen Osten \u2013 sie begreifen einfach nicht, da\u00df die Mehrheit der Leser gewichtige Inhalte, selbst unbestreitbare Wahrheiten, nur in anspruchsvoller, intellektuell gut verdaulicher und unterhaltsamer Verpackung zu genie\u00dfen verm\u00f6gen; nichts ist unertr\u00e4glicher, als Agitation und billige Propaganda, von manipulativer Desinformation ganz zu schweigen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"173\" height=\"67\" data-id=\"25\" src=\"http:\/\/niewieder.eu\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Unterschrift-FB-2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-25\"\/><\/figure>\n<\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ersten 40 Lebensjahre im Osten Deutschlands verbracht zu haben, geh\u00f6rt nicht zu meinen ausschlie\u00dflich schlechten Erfahrungen. 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